Was verbirgt sich hinter ADHS?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung, die sich durch verschiedenartige Probleme mit der Aufmerksamkeit, der Impulsivität, mangelnder Selbstkontrolle und (in vielen Fällen) mit Hyperaktivität auszeichnet. Zwar tritt ADHS zumeist bei Kindern und Jugendlichen auf, kann aber durchaus auch Erwachsene betreffen. Zwei Formen von AHDS finden ich am häufigsten:

1.ADHS ohne Hyperaktivität, welche gekennzeichnet ist durch Lernstörungen, schwache Konzentrationsfähigkeit und nur kurze Aufmerksamkeitsspannen.
2.ADHS mit Hyperaktivität mit den Kennzeichen regelmäßige Unaufmerksamkeit, Impulsivität und mit einem für Kinder unüblichen Maß an (Hyper-)Aktivität.

Nach dem derzeitigem Forschungsstand ist von einer Verursachung von ADHS durch eine Vielzahl von Einflussfaktoren auszugehen, wobei biologische, psychische und auch soziale Faktoren zusammenwirken. Genetische Veranlagung spielt in diesem Kontext auch eine große Rolle: Bei rund der Hälfte aller ADHS-Betroffenen besteht nach der Auffassung vieler Forscher eine genetisch bedingte Abnormalität der neuronalen Signalverarbeitung im Gehirn. Es existieren etwa Belege dafür, dass die Organismen von Menschen, die von ADHS betroffen sind, nicht genügend viele Neurotransmitter produzieren, z.B. Dopamin oder Serotonin, woraus einige Forscher schlussfolgern, dass aufgrund eben solcher Defizite extrem aktives, selbst-stimulierendes Verhalten forciert wird – und das hierdurch das im Gehirn hierdurch wiederum die Produktion dieser chemischen Botenstoffe angeregt wird (vgl. hierzu z.B. Comings 2000; Mitsis 2000; Sunohara 2000). Auch wird vermutet, dass strukturelle und funktionale Gehirnabnormalitäten eine Ursache dafür sein können, dass Kinder ADHS entwickeln (vgl. Pliszka 2002 oder Mercugliano 1999). So deuten einige Belege darauf hin, dass unter Umständen weniger Verknüpfungen zwischen Nervenzellen entstehen können, als dies im Normalfall eigentlich der Fall sein sollte, was die ADHS-Entstehung begünstigt. Zudem gibt es Studien, die vermuten lassen, dass im Gehirn von Patienten mit ADHS gerade diejenigen Hirnregionen, die für die Impulskontrolle zuständig sind, möglicherweise schlechter mit Blut versorgt werden, als dies bei Menschen ohne ADHS-Symptome der Fall ist (vgl. etwa Paule 2000).

Generell werden als entscheidende Faktoren, die die ADHS-Entstehung fördern, zumeist folgende Punkte genannt:
– Geburtstrauma
– Schwermetallbelastung des Organismus
– Darmparasiten
– mangelhafte Ernährung
– Mangel an Eisen, Vitamin B1 und B6 sowie Magnesium
– Empfindlichkeiten/Unverträglichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln, Kohlehydraten und bestimmten Umwelteinflüssen.

Obwohl in der wissenschaftlichen Fachwelt durchaus unterschiedliche Auffassungen über die Ursachen für ADHS mit Hyperaktivität vorliegen, so kann vermutet werden, dass in vielen Fällen Lebensmittelzusatzstoffe und auch Lebensmittelallergien eine wichtige Rolle spielen. Trotz oder eben wegen der vielen einzelnen Untersuchungsergebnisse gibt es keine einheitlichen Aussagen zu Verbreitung von ADHS. Je nach Definition von ADHS kann man insgesamt davon ausgehen, dass 3-10% aller Kinder Symptome im Sinne eines Aufmerksamkeitsdefizits zeigen. Entgegen der über lange Zeit verbreiteten Auffassung, ADHS trete vorwiegend bei Jungen auf, weisen neuere Untersuchungen darauf hin, dass eine annähernd ausgeglichene Geschlechterverteilung besteht, Jungen und Mädchen also in etwa gleichermaßen von ADHS betroffen sind. Ebenso ist die früher vertretene Ansicht nach aktueller Expertenmeinung überholt, dass ADHS mit der Pubertät an Bedeutung verliert: Nach neueren Studien zeigen 50–80 % der Betroffenen auch noch im Erwachsenenalter ADHS-Symptome.

Einigkeit herrscht unter Experten darüber, dass ADHS in verschiedene Schweregrade eingeteilt werden kann:
1. Der leicht Betroffene hat zwar die biologische und genetische Prädisposition für ADHS, bei ihm ist die Symptomatik aber nicht sehr stark ausgeprägt, sodass er nicht behandlungsbedürftig ist. Der leicht Betroffene besitzt eine höhere Kreativität als andere Menschen, ist etwas weniger impulsgehemmt und kann sich unter Umständen nicht so gut konzentrieren wie andere Menschen. Dafür bekommt er aber zum Beispiel Details, die andere Menschen nicht oder nur am Rande wahrnehmen, sehr viel besser mit.
2. Der mittelschwer Betroffene ist bereits behandlungsbedürftig und leidet neben den direkten Auswirkungen von ADHS zunehmend ach unter unterschiedlichsten Folgeerkrankungen. Er entwickelt dabei aber keine Störung seines Sozialverhaltens und bleibt eher sozial unauffällig. Allerdings gibt es eine recht hohe Wahrscheinlichkeit von Schulversagen und Versagen im Beruf.
3. Ein schwer Betroffener hat ein mehr oder weniger stark gestörtes Sozialverhalten und ein deutlich erhöhtes Risiko, Suchtverhalten zu entwickeln, sozial auffällig zu werden und etwa in die Kriminalität abzurutschen. Ohne geeignete professionelle Behandlung ist er kaum zu (re-)sozialisieren.

Was kann man gegen ADHS tun?

Die Behandlung von ADHS richtet sich nach dem Schweregrad, den individuell auftretenden Symptomen sowie auch dem Alter der Betroffenen. Wegen der hohen Komplexität der physischen und psycho-sozialen Störung wird angestrebt, verschiedene Behandlungsansätze sinnvoll zu einer auf den Patienten und sein soziales Umfeld passgenauen Therapie zu verbinden. Ziel von Behandlungsansätzen ist es dabei, das individuell unterschiedlich vorhandene Potenzial der Patienten optimal auszuschöpfen, die sozialen Fähigkeiten zu verbessern und vorhandene Begleitstörungen zu behandeln. Dabei sollten idealerweise mehrere Behandlungsschritte parallel durchgeführt werden (z.B. Therapie, Coaching, Ernährungsumstellung und medikamentöse Behandlung). Hierzu ist es notwendig, sich umfassend bei Ärzten, Therapeuten oder professionellen Anlaufstellen zu informieren, um ein individuell abgestimmtes Behandlungskonzept zu entwickeln. Mit einer umfassenden Vorbeugung und der Information des persönlichen Umfeldes über ADHS ist es ggf. möglich, dass sich einzelne Symptome weniger deutlich ausprägen. Zu bedenken ist aber, dass ein Großteil des Krankheitsbildes neurobiologisch bedingt ist, was den Einfluss- und Behandlungsmöglichkeiten klare Vorgaben und Grenze setzt.

Medikation: Eine Medikation ist bei mittel- und schwer betroffenen Patienten fast immer notwendig. Ziel hierbei ist es, die Aufmerksamkeits-, Konzentrations- sowie die Selbststeuerungsfähigkeit des Betroffenen zu verbessern sowie seinen Leidensdruck zu verringern. Vielfach werden hierdurch erst die Voraussetzungen für eine weitere Behandlung, z.B. in Form von therapeutischer Arbeit, geschaffen. Zur medikamentösen Behandlung werden vorrangig so genannte „Stimulanzien“ eingesetzt, die den Dopaminstoffwechsel im menschlichen Gehirn beeinflussen.

Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie, Familientherapie und Systemische Therapie: (Psycho-)Therapeutische Behandlungsmethoden gelten zudem als ein zentraler Bestandteil im Rahmen einer multimodalen ADHS-Therapie. Ziel ist es, die Fähigkeiten des Betroffenen zu verbessern, mit seinem Krankheitsbild umzugehen und alltäglichen Beeinträchtigungen angemessen begegnen zu können.

Ernährungsumstellung und Nährstofftherapie: Wie bereits zuvor beschrieben, gehen Experten davon aus, dass ADHS von einer ganzen Reihe von Faktoren beeinflusst wird. Ein wichtiger Punkt ist hierbei nach Auffassung einiger Forscher auch die Ernährung bzw. die alltägliche Zufuhr von Vitalstoffen (vgl. etwa Harding 2003). Die Behandlung von Kindern mit ADHS ohne Hyperaktivität umfasst üblicherweise (neben anderen Maßnahmen) die Sicherstellung einer möglichst optimalem Ernährungsweise. Auch wird das Ziel verfolgt, gerade den oftmals schädlichen Einflüssen von Lebensmittelzusätzen entgegenzuwirken sowie darüber hinaus die Rolle von Lebensmittelallergien und Lebensmittelunverträglichkeiten mit zu berücksichtigen. Als Empfehlungen für eine angemessene Ernährung werden zumeist die folgenden Punkte genannt:
– Verzichten Sie auf raffinierte Kohlenhydrate.
– Verringern Sie die Zufuhr von komplexen Kohlenhydraten.
– Meiden Sie Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen sowie Farbstoffen.
– Nehmen Sie Proteine durch Essen von (rohem) Gemüse und Fisch zu sich.
– Nutzen Sie Olivenöl, Kokosnussöl und Fischöl statt anderen Ölen.
– Achten Sie darauf, ob Nahrungsmittelunverträglichkeiten bzw. –allergien vorliegen, etwa gegen Milch, bestimmte Getreidesorten oder Gluten.

Einige Veröffentlichungen aus der letzten Zeit verweisen insbesondere auf den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Fettsäuren und auftretenden Verhaltensauffälligkeiten bzw. einem verstärkten Aufmerksamkeitsdefizit. Studien der Universitäten Oxford und der Universität von Südaustralien haben etwa gezeigt, dass die tägliche Einnahme von Omega-3-Fettsäuren die Symptome der Hyperaktivität gegenüber einer Kontrollgruppe nach einigen Wochen stark reduziert hat, wobei in einer Studie mittlere bis starke Behandlungseffekte aufgezeigt wurden, in einer anderen gute Verbesserungen nach drei Monaten gegenüber der Placebogruppe in den Bereichen Lesen, Schreiben und Verhalten (Haag 2003).

In anderen Studien wurden Magnesium, Zink und Vitamine als Nahrungsergänzungspräparate gegeben. Eine Kombination aus Magnesium und Vitamin B6 hat dabei etwa gute Wirkungen auf die Reduktion von ADHS-Symptomen gezeigt (vgl. Nogovitsina 2006; Nogovitsina 2005; Mousain-Bosc 2004). Für Zink und Acetyl-L-Carnitin werden ebenfalls Zusammenhänge bezüglich der ADHS-Reduktion vermutet, wobei hierzu jedoch (noch) keine einheitlichen und eindeutigen Studienergebnisse vorhanden sind. So haben zwar Untersuchungen gezeigt, dass Kinder mit ADHS vielfach ein Defizit an Zink im Körper aufweisen. Allerdings ist unklar, ob ADHS tatsächlich durch ein solches Defizit (mit-)verursacht wird bzw. ob eine Zufuhr von Zink eine Verbesserung der Gesundheitssituation von ADHS-Patienten bewirken kann (Arnold 2005. Vgl. zu Studien zur Wirkung von Zink etwa Akhondzadeh 2004 und Bilici 2004).